Nachberichterstattung zum Vortrag von Pflegeexperte Claus Fussek in Herzogenaurach

„Wer es nicht selbst erlebt hat, der kann es nicht nachvollziehen...!" - Situationen in der häuslichen und stationären Pflege - Anspruch und Wirklichkeit. Zu diesem Thema referierte der bundesweit bekannte Sozialpädagoge und Buchautor Claus Fussek am Donnerstag im Herzogenaurach. Claus Fussek hat jahrzehntelange Erfahrung in der Pflege, analysiert und kritisiert diesen Bereich und entwickelt hierfür Lösungsansätze. Eingeladen wurde Claus Fussek von der unabhängigen, neutralen Informations-, Beschwerde- und Schlichtungsstelle des Landkreises Erlangen-Höchstadt (IBS), die an die Fachstelle für pflegende Angehörige im Landkreis angeschlossen ist. Der Einladung in das Generationen.Zentrum sind viele interessierte Bürgerinnen und Bürger aber auch Kolleginnen und Kollegen aus dem Pflegebereich gefolgt. Das Interesse an diesem Vortrag war so groß, dass bereits kurz nach Anmeldestart alle Plätze vergeben waren und der Saal somit komplett gefüllt war. Im Anschluss an den Vortrag von Herrn Fussek gab es eine lebhafte Debatte mit diversen Fachvertretern.

Zu Beginn seines Vortrages stellte Herr Fussek direkt die These auf, dass schlechte Pflege genauso viel kostet wie gute Pflege und belegte diese mit teilweisen recht absurden Beispielen aus der Praxis, die er täglich von Angehörigen, Ärzten, Heimbewohnern und Pflegern telefonisch oder per E-Mail erhält. So verschlechtert sich zum Teil der Gesamtzustand der Patienten durch schlechte Pflege, die Einrichtungen werden aber aufgrund der Einstufung in einen höheren Pflegegrades sogar noch mit höheren Pauschalen dafür belohnt, durch schlechte Pflege wird also doppelt abkassiert. Solche Missstände betreffen vor allem die Grundbedürfnisse der Menschen. Wenn eine pflegebedürftige Person nur eine bestimmte Anzahl an Minuten Zeit hat, um zu essen oder Windeln angelegt bekommt, weil niemand die Zeit hat mit ihnen zur Toilette zu gehen, dann sind dies Zustände, die man keinem Menschen zumuten würde. Das Zwischenmenschliche bleibt in den meisten Fällen auf der Strecke, so dass viele Patienten schon lange nicht mehr die Unterkunft für einen kleinen Spaziergang verlassen konnten, weil sie niemand darin unterstützt oder Patienten gar alleine sterben müssen, weil sich keiner Zeit für sie nimmt. Das bestätigte auch der Vorsitzende des Kreisseniorenbeirats des Landratsamtes Erlangen-Höchstadt, Herr Thomas Wimber in der anschließenden Diskussion: „Der Vortrag von Herrn Fussek spricht uns aus der Seele, es geht nicht um die großen Themen in der Pflege, sondern um die kleinteilige Menschlichkeit untereinander."

Es stellt sich die Frage wer schuld an diesen Zuständen ist, ist es eine schlechte Ausbildung der Pflegekräfte, ist es eine mangelnde Motivation dieser, ist ein zu geringes Pflegebudget oder nicht ausreichendes Personal. So gibt es allein für den Betreuungsschlüssel in den unterschiedlichen Heimen keinen einheitlichen Standard. Bei gleichen Kosten gibt es in einem Heim in der Tagesschicht fünf Pfleger auf 20 Bewohner und in einem anderen Heim zwei Pfleger für 50 Bewohner. Das solche Unterschiede nicht auffallen, liegt oftmals auch daran, dass auch vor Dokumentenfälschung nicht zurückgeschreckt wird. „Wenn die Nachtschicht noch die Dokumentation der Tagschicht übernimmt, kann etwas nicht richtig laufen", appelliert Herr Fussek an die vielen Pflegekräfte unter den Zuhörern. „Es wird erst ersichtlich, wie es um die Personalbelastung bestellt ist, wenn nur noch das dokumentiert wird, was tatsächlich geleistet wurde."

Hier setzt auch der ehrenamtliche Behindertenbeauftragter des Landkreises Erlangen-Höchstadt und Geschäftsführer der WAB Kosbach, Herr Ganzmann, in der Diskussion an: „Nicht die Ausbildung oder andere Faktoren sind die eigentliche Ursache der schlechten Pflege, sondern die Arbeitsbedingungen, denn wenn die Dokumentation und die Abrechnung der Pflege nach Minuten erfolgt, kann nicht gut gepflegt werden. In der Pflege ist es nicht 5 vor 12, sondern bereits 5 nach 12." Weiter verwies er auf die vielen Pflegekräfte, die in den nächsten Jahren fehlen werden. Seiner Ansicht nach, müssten sich alle Beteiligten die Frage stellen, warum die Bedingungen nicht verändert werden und kein Veränderungsprozess angestoßen wird, obwohl doch ausreichend Geld für Pflege vorhanden wäre.

Herr Fussek betonte am Ende seines Vortrages, dass gute Pflege machbar und auch bezahlbar ist. Wichtig hierfür ist allerdings, dass alle Beteiligten von den Angehörigen, über die Pflegekräften bis hin zu den Heimleitungen Verantwortung dafür übernehmen.

In diesem Zusammenhang hob er außerdem die Notwendigkeit von regelmäßigen Besuchen und Kontakten von Angehörigen und Ehrenamtlichen in den Pflegeheimen hervor. Denn diese Besuche kommen nicht nur den Bewohnern selbst zugute, sondern sind auch Entlastung für die Pflegekräfte und stellen ein Frühwarnsystem für Missstände dar. „Nicht die Politik ist für die Missstände vor Ort verantwortlich, sondern die Träger sind dafür verantwortlich, die Zustände zu verbessern", mahnte Herr Fussek. Dies bestätigte ebenfalls die Leiterin der Fachstelle für pflegende Angehörige im westlichen Landkreis Erlangen-Höchstadt, Rosi Schmitt: „Die Diskussion über gute und schlechte Pflege und deren Ursachen und was letztendlich geändert werden muss, ist seit vielen Jahren bekannt und könnte beseitigt werden". Es sei müßig, immer wieder auf der Stelle zu treten. Weiter führte sie an, dass, solange das Gesundheitswesen gewinnorientiert arbeitet, sich die Missstände auch nicht beseitigen lassen werden. Denn eines stellt auch sie klar: Die Politik gibt den Rahmen vor, was daraus gemacht wird, entscheiden die Betreiber selbst. Die Haltung der Führungs- und Entscheidungskräfte sind mitentscheidend dafür, ob Pflegekräfte gerne ihrer Arbeit nachgehen oder nicht. Denn nur wenn die Bedingungen vor Ort akzeptabel sind und Pflegekräfte und Auszubildende sich in ihrer Arbeit wiedererkennen und auch Wertschätzung und Anerkennung erfahren, neben einer angemessenen Bezahlung - bleiben sie in der Regel in der Einrichtung. Und das es in der Praxis umsetzbar ist, dass zeigen Pflegeheime auch in unserer Region.

Im Landkreis Erlangen-Höchstadt sollte dem Pflegenotstand und den Missständen in der Pflege gemeinsam begegnet und sich um Verbesserungen bemüht werden. Gerade in der Pflege ist ein gegenseitiges Vertrauen von Pflegern und Angehörigen von enormer Wichtigkeit, bei Problemen oder Überforderung in dieser Situation, steht die Informations-, Beschwerde- und Schlichtungsstelle (IBS) zur Verfügung. Die IBS ist ein vertrauensvoller Ansprechpartner, Begleiter und Vermittler, wenn es Probleme mit der pflegerischen Versorgung und/ oder Betreuung der Angehörigen, Freunde oder Nachbarn gibt. Außerdem berät und begleitet die IBS pflegende Angehörige in kritischen Lebens- und Pflegesituation, vermittelt weiterführende Hilfen und unterstützt bei Beschwerden und Konflikten. Ins Leben gerufen wurde die IBS von Mitgliedern des Kreisseniorenbeirats Erlangen-Höchstadt.